document image

Geschichte der Klinik

Die „Großherzogliche Irrenanstalt Sachsenberg bei Schwerin“ wurde 1830 eröffnet und ist der erste Neubau einer Nervenklinik in den damaligen deutschen Ländern (die Nervenklinik in Schleswig ist zwar etwas älter, gehörte zu dem Zeitpunkt aber zu Dänemark).

So war die Anstalt auf dem Sachsenberg damals eine Modelleinrichtung für weitere psychiatrische Anstalten im gesamten europäischen Raum. In dem lang gestreckten hellen zweistöckigen Bau standen den Patienten erster Klasse zwei Zimmer zur Verfügung, dazu ein persönlicher Bediensteter bzw. Pfleger sowie Billardzimmer und Bibliothek. Den Patienten zweiter und dritter Klasse wurde nicht soviel Luxus zugestanden.

document image Sommerlicher Blick durch den Park auf das Hauptgebäude 2016

Der erste Direktor hieß Carl Friedrich Flemming, er war bei Beginn des Baugeschehens 24 Jahre alt. Flemming hatte die Klinik (Irrenanstalt) nach den damals modernsten Grundsätzen bauen lassen. Es gab fließend warmes und kaltes Wasser, das über ein Göpelwerk vom See herauf gepumpt wurde, das Göpelwerk ersetzte man später durch einen Wasserturm (der heute als Klinikmuseum genutzt wird). Billard- und Leseraum waren ebenso vorhanden wie eine Kegelbahn im Freien. Am Ufer des Ziegelsees wurde eine Badeanstalt und ein Yachthafen angelegt.

document image Das Gelände der damaligen Bezirksnervenklinik Schwerin 1990 aus der Luft. Im Vordergrund Ausschachtungen für das Fundament neuer Gebäude wie der modernen Arbeitstherapie, dem Betreuten Wohnen sowie der Sport- und Schwimmhalle. Hintergrund der Ziegelsee, einer der Schweriner Seen, davor der zur Klinik gehörende Park (siehe Park).

Die Klinik arbeitete autark, (sie wurde nach 1961 sogar mit einem eigenen Dieselgenerator zur Notstromversorgung versehen). Es gab von Anfang an Werkstätten für Schuster, Schneider, Tischler und Glaser, Räume für Bäcker und Fleischer, dazu einen landwirtschaftlichen „Koloniehof“ mit Pferde-, Kuh- und Schweineställen. In alle Gewerbe wurden, schon aus therapeutischen Gründen, geeignete Patienten eingebunden, die als „Kolonnen“ in Aktion traten. Einer der Dauerpatienten, der noch um 1965 als Bote dem Chefarzt zur Verfügung stand, gestaltete rings um den „Schwanenteich“ ein kleines Rosenparadies mit einem Schwanenhaus.

Die Belegung der Betten wuchs so rasant, dass die Patienten zunächst zusammenrücken mussten, dann aber Erweiterungsbauten notwendig wurden. 1867 wurde für psychiatrisch erkrankte Kinder auf der Feldmark Lewenberg eine Idiotenanstalt erbaut, die unter dem Namen „Basedowhaus“ (nach dem ersten Erzieher so benannt) bis 1945 funktionierte. Unruhige und aggressive Kranke hatten von Anfang an ihren Platz in den Seitenflügeln des Hauptgebäudes, später kamen zwei „Zellenhäuser“ dazu. Die Realisierung von Pflegehäusern erfolgte erst 1880, im Sterbejahr Flemmings. Die nächsten Erweiterungsbauten folgten um 1912.

Für Angestellte gab es die Möglichkeit, im Anstaltsgelände zu wohnen. Es entstanden Einzelhäuser für Pflege- und leitendes ärztliches Personal. Trotzdem war die Mitarbeiterwerbung nicht immer sehr erfolgreich. Die Zahl an psychisch kranken und behandlungsbedürftigen Menschen nahm immer mehr zu. Auch nach der Eröffnung der Rostocker Irrenheil- und Pflegeanstalt Gehlsheim 1896 konnte das Problem der Überbelegung auf dem Sachsenberg nicht gelöst werden. Immer wieder gab es Versorgungsprobleme. Die Zeitungen berichteten damals auch von einer „Korruptionsaffäre“, in der sich Angestellte mit für Patienten gedachten Nahrungsmitteln versorgt haben sollen.

Trotz aller Engpässe in der Bettenkapazität mußten im 1. und 2. Weltkrieg auch auf dem Sachsenberg Häuser für Lazarette freigezogen werden. Die NS-Zeit stellt ein dunkles Kapitel in der Klinikgeschichte dar. Im Rahmen des „Euthanasie“-Programms wurden 275 Patienten nach Bernburg verlegt und dort gezielt getötet. Auch in Schwerin selbst kamen mindestens 300 körperlich und geistig behinderte Kinder durch aktive oder passive Tötung ums Leben. Der damalige Direktor der Nervenklinik beging 1945 mit seiner Familie Selbstmord. An die Opfer der sog. Euthanasie in der NS-Zeit erinnert seit 2008 ein bewegendes Mahnmal im Klinikgelände.

Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte die Versorgung geistig Kranker zunächst mühselig unter veralteten räumlichen und therapeutischen Bedingungen. Erstmalig 1951 tauchte der Name „Krankenanstalt für Psychiatrie“ auf, nachdem die im Krieg teilweise zweckentfremdeten Gebäude wieder zur Verfügung standen. Zu DDR-Zeiten nahm ab 1960 vor allem der therapeutische Sektor in der Psychiatrie einen rasanten Aufstieg. Unter dem Direktor Dr. Horst Berthold konstituierte sich die „Bezirksnervenklinik Schwerin“ als moderne psychiatrische Behandlungseinrichtung mit arbeitstherapeutischen Außenstationen im landwirtschaftlichen und geschützten Arbeitsplätzen im industriellen Bereich. Er sorgte auch durch Platten-Neubauten für Wohnraum, um weitere Mitarbeiter für die Klinik zu gewinnen. Mitte der 60er Jahre wurde der sog. Patienten-Langzeitbereich mit hunderten schwer geistig behinderten Menschen ins Kloster Dobbertin verlagert, blieb aber bis 1990 Außenstelle der Bezirksnervenklinik.

1974 war auf dem Lewenberg in alten Gebäuden die Einrichtung eines internistisch ausgerichteten Krankenhauses erfolgt, das zusammen mit den über die Stadt verteilten Fachkliniken unter dem Namen „Bezirkskrankenhaus“ firmierte. Nach einem Neubau für diese Kliniken fusionierten sie auch mit der Bezirksnervenklinik. Heute gehören beide Kliniken zum Helios-Konzern. Die ehemalige Nervenklinik trägt als psychiatrischer Sektor den Namen ihres Gründers: „Carl-Friedrich-Flemming-Klinik“, mit fünf eigenverantwortlichen psychiatrischen Kliniken.

document image Links: Freitreppe vor dem Haupteingang (vor der Sanierung, ca. 1990), Rechts: Titel der Broschüre „Landschaftspark Sachsenberg“
Small Victories